Im Rahmen einer Vortragsreihe in der Hauptstadt Bulgariens erhielt ich die Gelegenheit, einen Bruchteil der dortigen freien Kunstszene kennenzulernen und die Situation der Kunstschaffenden in einem der ärmsten europäischen Nationen zu erleben. Der kurze aber intensive Aufenthalt hat mich vor allem zu einer Relativierung der westlichen Hegemonie im weltweiten Kunstbetrieb gebracht. Bericht aus einem Land, das von unserem dominanten Kunstgeschmack noch nicht annektiert ist.

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Es ist eine merkwürdige Idée fixe – bei jeder neuen Stadterkundung kann ich ohne Reue einen großen Bogen um die üblichen Attraktionen und Sehenswürdigkeiten machen und suche stattdessen nach Menschen und Orten, die die freie Szene repräsentieren. Der Perisphere verpflichtet, lasse ich Museen und Kathedralen links liegen und tauche bevorzugt in die Ateliers, Off-Spaces und anderen subkulturellen Nischen ein, die sich jeder Beschreibung eines Reiseführers entziehen. Die Perlensuche ist dadurch schwieriger – und die Ernte alles andere als gesichert – aber auch spannender. Eingeladen vom Goethe Institut und von der Nationalen Kunstakademie Sofia, nutzte ich die Chance, ein vorläufiges, vorsichtiges und bei weitem nicht vollständiges Fazit über die Kunst-Situation in Sofia zu ziehen.

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Viele bulgarische Künstler werden diesen Artikel möglichweise als oberflächlich oder gar als falsch betrachten und meine Schlüsse als voreilig bewerten. Selbstverständlich konnte ich innerhalb einer guten Woche nicht alle Zusammenhänge der Sofioter Kunstszene durchblicken und ich möchte mich keineswegs als ihr Kenner profilieren. Ich wage jedoch einen Einstieg, schreibe in erster Linie für eine nicht-bulgarische Leserschaft und bin für Korrekturen und differenzierte Betrachtungen sehr dankbar.

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Erster Eindruck: Schön überschaubar hier. Mit ihren knappen anderthalb Millionen offiziell registrierten (die tatsächliche Zahl dürfte viel höher sein) Einwohnern ist Sofia eine relativ kleine Hauptstadt. Dementsprechend übersichtlich ist ihre Kunstszene. Unter Künstlern kennt jeder jeden – was in Berlin, London oder Paris bei weitem nicht der Fall ist. Zweiter Eindruck: Schön ruhig hier. Der gemeine Kunst-Aficionado, der in unseren Breitengraden von einer Ausstellung zur nächsten hoppelt und sich wie ein Kind auf eine Biennale oder eine Documenta freut, wird enttäuscht von seiner bulgarischen Reise zurückkehren. In einem guten Tag hat er alle einigermaßen nennenswerten Museen und Galerien Sofias abgearbeitet und nichts Großartiges entdeckt. Überschaubar sind also auch die Vermittlungsinstanzen der zeitgenössischen Kunst. Dritter Eindruck: Schön leer hier. Der besagte Aficionado wird sich auf seiner Entdeckungstour öfter mal einsam fühlen. In den hiesigen kommerziellen Galerien ist noch weniger Laufpublikum als in den deutschen, und in den größeren Institutionen steht mehr Wachpersonal als Besucher herum – sogar an Feiertagen. Die Kunst scheint nicht so wirklich auf der Tagesordnung zu stehen.

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Weitere, vertiefte Eindrücke bestätigen diese ersten Bemerkungen. Sofia ist weit davon entfernt, eine Kunstmetropole zu sein; und die aktive Künstlerschaft vor Ort frönt entweder ein sehr entspanntes oder ein ziemlich lethargisches Dasein – es kommt ganz auf die Einstellung des Betrachters an. Wer das Glück hat, kompetent durch die Szene geführt zu werden (an dieser Stelle ein dankbarer Gruß an Vanja Koubadinska vom Goethe Institut, die der bestdenkbare Schlüssel der Sofioter Ateliers und Institutionen war), wird sich gewahr sein, wie schwierig die Lage für Künstler, die am östlichen Rande Europas leben, sein kann. Mein erster Atelierbesuch macht es klar.

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Ludmil Lazarov (re.)

L. Lazarov

L. Lazarov

Ludmil Lazarov, ein Maler, der nach der Wende vierzehn Jahre in Paris verbrachte und nun wieder in Sofia arbeitet, macht einen resignierten Eindruck. Ich weiß nicht, ob ich ihn auf dem falschen Fuß erwischt habe oder ob er von Natur aus gleichmütig ist, aber der große, ruhige Mann wirkt ein wenig niedergeschlagen. Er zeigt mir sein Arbeitsraum in einer kleinen Wohnung des Sofioter Zentrums und erzählt von seinen Schwierigkeiten, an die Öffentlichkeit zu treten. Wie viele seiner Kollegen fühlt er sich isoliert. Die wenigen Galerien, die ihn in Bulgarien vertreten oder vertreten haben, sind unfähig, seine Arbeit zu vermitteln. Es gibt keine Sammler und keine Interessenten für diese Art von Kunst. Lazarovs Malerei, die sich von der Gegenständlichkeit – von der Portraitgattung, in einer zeitgenössischen und unverschonten Version – heraus entwickelt hat und nun, pastos, körperlich, voller Untiefen und Farbreliefs, zur konkreten Kunst mutiert, erweist sich als zu „kompliziert“ für das zaghafte bulgarische Publikum. Dabei sah es vor 20 Jahren ganz anders für ihn aus.

Im Atelier von Liudmil Lazarov

Im Atelier von Ludmil Lazarov

Ludmil Lazarov erinnert sich sehnsüchtig an die Zeiten vor der Wende, als jeder Künstler von seiner Kunst leben konnte und die Kunstszene gut strukturiert war. Trotz des Eisernen Vorhangs war die Freiheit der Kunstschaffenden groß. Es gab kein Kunstdiktat, keine Zensur und keinen dogmatischen Stil, der unbedingt befolgt werden sollte – aber es gab auch keine Information aus dem Westen, keine Zeitschriften oder Bücher, die über die künstlerische Aktualität der Welt berichtete. Die bulgarischen Künstler lebten gelassen und ohne Druck, in einer sozialistischen Blase außerhalb der Weltgeschichte. Die Vereinigung der Maler, die formell immer noch existiert, kümmerte sich um regelmäßige Aufträge und Ausstellungen. Die kleinen Museen der Provinz wurden mit staatlichen Geldern unterstützt und die Kommunen waren gezwungen, Bilder zu kaufen, um die Wände ihrer Behörden zu zieren.

Show Room von Liudmil Lazarov

Show Room von Liudmil Lazarov

Aber nun ist das träge Goldene Zeitalter der bulgarischen Kunst vorbei. Der Staat kauft nichts mehr, offizielle Ausstellungen können nicht mehr finanziert werden und die Provinzmuseen müssen sehen, wo sie ihr Geld herholen. Der Mangel an institutioneller Unterstützung ist nur eine Seite des Problems; die beinah vollständige Abwesenheit eines Publikums aber eine andere – und viel gravierende. Wer sich nicht an den gefälligen Geschmack der kommerziellen Galerien anbiedert und nette Straßenszenen oder pittoreske Landschaften abliefert, muss nicht nur sein Lebensunterhalt außerhalb der Kunst bestreiten sondern zudem mit einer deprimierenden Interessenlosigkeit kämpfen. Die bittere Erfahrung dieser Ignoranz hat Lazarov gerade erst gemacht. Weil er nicht auf die professionelle Mitarbeit von Galerien zählen kann und mittlerweile nichts mehr von den Kulturbehörden erwartet, hat er sein Wohnatelier zu einem Show-Room umgewandelt. Ein Zimmer dient ihm als Präsentationsort für seine Kunst und, möglicherweise, für andere Kollegen in der Zukunft. Auf eigene Faust versucht er da altbekannte Sammler und frühere Käufer zu reaktivieren. Dies wird allerdings immer schwieriger. Denn auch die Selbstorganisation erscheint in diesem Kontext völlig zwecklos. Das Publikum bleibt fern. Was nutzt schon das aufwändige Betreiben eines artist run space wenn nur noch die Familie und ein paar Freunden zur Eröffnung kommen?

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Ivan Kostolov

Diese Situation bestätigten ein paar andere Künstler, denen ich während meines Aufenthaltes begegnete. In Plovdiv traf ich Ivan Kostolov. Der Maler empfang mich in seinem großen Atelier in der Innenstadt von Plovdiv – der zweitgrößten Stadt von Bulgarien – und erzählte von den Unterschieden zwischen deutschem und bulgarischem System. Kostolov hat nämlich in der Städel Schule in Frankfurt studiert und demnach, bevor er sich entschied zurück in die Heimat zu kehren, erste berufliche Erfahrungen in Deutschland gemacht. Seine altmeisterlichen Bilder, die durch ihre große malerische Intelligenz die Gefahr des ausgedörrten Akademismus locker umgehen, hat er bereits in westlichen Galerien präsentiert und verkauft. Der eigenwillige Mix aus purer, materialverliebter Abstraktion und Hyperrealismus sowie die eigenwillige und humorvolle Neuinterpretation der Genremalerei hat ihm Erfolg beschert. In Bulgarien jedoch wird diese Malerei als „zu deutsch“ empfunden, wobei der Maler nicht recht versteht, was damit gemeint sei. Trotz der unleugbaren, für jeden Mann ablesbaren Qualität dieser Arbeit, wird diese Kunst nicht goutiert. Kostolov sieht sich gezwungen, seine künstlerische Produktion selbst zu vermarkten.

Ivan Kostolov

Ivan Kostolov

Der bulgarische Kunstmarkt ist sehr beschränkt und die wenigen Käufer, die Geld für Kunst ausgeben, verstehen dies als Investition. Für die Wenige, berichtete Ivan Kostolov, ist Kunst eine Herzensangelegenheit – die meisten erwarten nur Renditen. Diese überschaubare Szene ist so primitiv, dass sie nicht mal die repräsentative Funktion von Kunst anstrengt und Kunstwerke als Mittel einer sozialen Abgrenzung einsetzt. Dass sie sich nicht wie die Heuschrecken auf Kostolovs Werk stürzen zeigt letztendlich, wie wenig informiert diese Käufer doch sind. Denn ein wenig experimentiertes Auge würde in diesen Bildern eine prima Anlage sehen. Schuld an dieser Kultur- und Interessenlosigkeit könnte wieder die Schule sein. Nach der Wende wurde die Kunsterziehung vollständig vernachlässigt; Kinder und Jugendliche erhielten keinen Zugang zu den künstlerischen Institutionen ihrer Stadt und wurden nicht an Kunsterlebnissen sensibilisiert. Für eine ganze Generation bleibt der Gang in eine Ausstellung oder die Auseinandersetzung mit Kunst eine exotische, elitäre und verdächtigende Angelegenheit.

Ivan Kostolov

Ivan Kostolov

Ivan Kostolov

Im Atelier von Ivan Kostolov

Funktionalistisch ausgedrückt: die Rezeptionsschichten haben sich nicht gebildet und die Künstler vermissen dadurch eine Basis, die ihre Arbeit unterstützen könnte. Dies bekommt besonders Emil Mirazchiev zu spüren. Seit fünfzehn Jahren versucht der Künstler und Kurator, der in Plovdiv das Center for Contemporary Art leitet, die Bevölkerung und die politische Verantwortlichen für zeitgenössische Kunst zu interessieren. Dabei müht sich Mirazchiev extrem, seine Institution bekannt zu machen und international zu vernetzen. Die Grundbedingungen sind nicht schlecht: Das Center for Contemporary Art ist in einem wunderschönen ehemaligen römischen Bad untergebracht – ein so dominantes Gebäude, dass es schwierig zu bespielen ist, aber gerade deshalb als Herausforderung gilt –, ein aktiver Verein (die Art Today Association) erledigt einen Großteil der (ehrenamtlichen) Aufgaben und die Finanzierung des Programms wird kaum von der Kommune getragen. In Plovdiv findet das internationale, kunstinteressierte Publikum nur hier Kompetenz; die laufende Ausstellung bot jedenfalls eine Qualität an, die ich in Sofia vermisst habe. Und nachdem ich die Projekte der vergangenen Jahre begutachtet hatte, war ich vom Niveau des Hauses vollständig überzeugt. Das Center könnte als Aushängeschild für die Stadt werden. Aber es wird weiterhin naserümpfend wahrgenommen.

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Center for Contemporary Art Plovdiv

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Perlen für die Säue? Wenn man Mirazchiev zuhört, staunt man über dessen Beharrlichkeit und ungebrochenen Optimismus. Trotz aller guten Arbeit vor Ort muss er sich bei jedem neuen poltischen Wechsel in der Stadt legitimieren und verhindern, dass das fantastische Haus in ein archäologisches Museum oder ein Zentrum für Folklore verwandelt wird (Plovdiv, mit 4000 Jahren Geschichte möglicherweise die älteste Stadt Europas, ist ein kleines Freiluftmuseum für antike Kultur). Das Kulturministerium hat kein Verständnis für die Ausrichtung des Centers. Videos, konzeptuelle Installationen, Ready-mades, Performances – und das soll Kunst sein? Die Banausen auf höchster Ebene schaffen Mirazchiev und seiner engagierten Truppe keine Rückendeckung. Auch die Presse kennt nur Kritik und fordert, dass die im alten Bad ausgestellten Künstler zurück zur Schule gehen, um ihr Handwerk zu lernen. Das Unverständnis zur zeitgenössischen Kunst verwandelt sich sogar in Hysterie, wenn manche Dozenten der lokalen Kunsthochschule ihren Studenten verbieten, das Center zu betreten. Sie sollten nicht verdorben werden und die eher westlich orientierte Programmierung mit ihrer Anwesenheit unterstützen. Studenten, die eine Mappe im Center abgeben, werden in der Schule regelrecht gemobbt. Was mir Emil Mirazchiev da erzählt ist kaum zu glauben.

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Emil Mirazchiev

Emil Mirazchiev

Aber unter diesen Umständen kann ich besser verstehen, warum einigermaßen ambitionierte Künstler, die aus den Kanonen des Naturalismus und des Modernismus herausbrechen wollen, die Weite suchen. Jahr für Jahr verliert Bulgarien eine Unzahl an kreativen Köpfen. Das Einzige, das bulgarische Künstler mit einer westlichen Erfahrung wie Ivan Kostolov oder Liudmil Lazarov an ihr Land bindet, bzw. das einzige gute Argument für ein Bleiben in oder für eine Rückkehr nach Bulgarien sind die unglaublich niedrigen Atelier-Mieten. In Plovdiv sind 100 m² in zentraler Lage (und in schlechtem Zustand) ab 50€ zu haben. Prinzipiell sind alle Lebenskosten weit unter dem deutschen oder französischen Niveau. Weitere, persönliche Gründe (Familie, Freunde), sowie ein gewisser, westtypischer Druck, womit nicht alle Kunstschaffenden umgehen können, führen in vereinzelten Fällen zu einer Rückkehr in die Heimat. Meistens aber bleiben die Künstler fort. Seinerseits denkt Ivan Kostolov über eine neue Übersiedlung nach Deutschland nach. Er hätte sich gerne wieder in das bulgarische System eingegliedert – aber die Chance dazu bekam er nicht.

 

Fortsetzung folgt!