Ein Text von Philipp Höning

Vergiss alles, was du weißt.

twomblyjump

Aus der Tagebuchroutine.

Weißer Himmel, Sonderzustellung überwunden geglaubter Marotten per Telegramm aus Übersee -

Das Hauptzollamt Aachen bittet erneut um die Einreichung folgender Angaben zur Ermittlung ihres pfändbaren Einkommens:
Verlustig gehen allg. Urteilskraft TT/MM/JJJJ ab:                              bis einschl.:
Verlustig gehen prim. Urteilskraft TT/MM/JJJJ ab:                              bis einschl.:
Verlustig gehen sek. Urteilskraft TT/MM/JJJJ ab:                              bis einschl.:
Ich-Erosion durch obsessive Energieverkrümmungen seit TT/MM/JJJJ:

Einer dieser Tage, an denen es einfach nicht regnen will, Salat ohne Dressing, Kopfschmerzen vom vielen Kaffee.
Ich fresse Pathosphrasen wie Kartoffelchips.

Dann:

Guter Kaffee vorm Hammer Museum, Los Angeles, M heißt hier XL.
Eine Stunde in der Warteschlange gestanden, wir wurden x-fach vom Sicherheitsmann US-eloquent dazu aufgefordert, nicht den ganzen Gehweg zu blockieren.
Nach guter,
ausführlicher
geistiger Vorbereitung auf einen Museumsbesuch
dann richtig hineingestolpert,
orientierungslos, überrascht,
die Frage,
ob man sich noch einmal anstellen könne
wird von selbigem mit einem Blick auf einen beliebigen Punkt am Horizont quittiert.

Vergiss alles, was du weißt.

 

 

Cy Twombly
Untitled (roses)
Ein Bild wie rasender Schmerz auf drei riesige Leinwände gekämpft.
Twomblys Schmerz-Exzess hört vor der Erlösung auf. Er überdreht das Farbausschütten nicht bis zur emotionalen Leere. Die Welle bricht, genau an dem Punkt, an dem die Befreiung aus Beklemmung beginnen könnte. Der Todestrieb, der jeden Trieb auf den Abgrund der Befriedigung zusteuern lässt, um sich  selbst  auszulöschen,  wird  im  Aufrechterhalten  überlistet.
Suspension,  Begehren ohne Erfüllung. An diesem Punkt ist echte Schönheit möglich, weil Kontingenz erhalten bleibt.

Als ob er genau  wüsste, dass das von der Seele malen Schiefheilung bedeutet,  erhält er sich den Moment der Katastrophe.
Performatives  Leben  und  Arbeiten  im  Moment  des  höchsten  Drucks,  nicht einfach nur das Ergebnis davon. Ich  möchte  vor  dem  Bild wegrennen, das auf mich wirkt  wie  ein  zu  heiß  brennendes Lagerfeuer.
(Pathosphrase I: Wahrheitskräfte)

 

Peter Halley,
Califonia Curcuit
Ungegenständliche  Formensprache, Peter Halley lässt eine Ahnung  von  Abstraktion  zu,  lässt  den  Blick  seinen  Linien folgen,  führt  den  Betrachter  aber  ins  sichere  Verderben von Strukturpaste auf Leinwand. Jeder Versuch, einen Zugang zu finden, implodiert sofort in der Oberflächlichkeit des Strukturpastenwahns. Abstrakte oder ungegenständliche Malerei, ich weiß es nicht, von höchster Qualität, endgültig verdichtete, nie gesehene Präzision in der Abgrenzung der Farbflächen zueinander, wahrscheinlich von x Assistenten hergestellt, bricht an einer Rauhfasertapeten-Sehbeleidigung zusammen. Ein Schwarzes Loch, eine kurze Ahnung von Malewitsch, dann aber wirklich Rauhfasertapete.
Die Bilder schreien nach Jahrzehnten noch unverändert laut: Ich will dich hier nicht haben, verpiss dich aus meinem Atelier. Kunst, die jeder Grabscherei den Rücken kehrt, die Sinnlichkeit als Erstzugang proklamiert, jedem kulinarischen Wichsgriffel ein einfaches Mögen verunmöglicht, gegen jeden Kunstmarktzugang, gegen jede didaktische Dimension.
Es wird Ware, wie jedes Kunstwerk irgendwann entweder Ware oder Müll ist, aber es bleibt unantastbar.

We reserve the right to refuse service to any individual
-Mc Donalds

 

Ruff,
jpegs

911

Quellwolken, Ruff 6x13cm, Öl auf Leinwand, 2019

Man blickt von Halleys Nichtbildern in den benachbarten Raum, und sieht schon Ruffs jpegs, wie sie sich nach allen Regeln der Kunst anbiedern. Format, Material, alles löst sich in Gefälligkeit auf. Wo Tillmanns loslässt und Wahrheit durch Fragilität ermöglicht, bleibt Ruff auf einer Kopie von Fragilität stehen, die ausreicht, um die Sehgewohnheiten zeitgenössischer Internetnutzer zu bedienen.
Pixelhaufen,  ein  Bild,  das  auf  dem  Monitor  seltsam  instabil  wirkt  und  jederzeit  verschwinden kann, wird bei ihm erstmal reflexartig in Warenform gebunden, aus Gewohnheit oder Kalkül, wir wissen es nicht. Diese ganze moderne digitale Technik und ihre Ästhetik (2009!), Verpixelung durch Vergrößerung, macht hier die ästhetische Arbeit, er kann sich damit aber nicht zum Vorreiter von Kunst ohne Künstler machen. Peter Halleys Kunst verabschiedet sich sogar vom Künstler, ohne dass es diese technische Ebene der Entfremdung gibt. Sie sagt einfach:
Verpiss dich Peter.

ruff

Thomas Ruff, Verpiss dich Peter, Öl auf Leinwand, 2018

 

Ruff  klammert  sich  2009  an  dem fest, was er für Zeitgeistoptik hält, wie an einem teuren  Rotmarderpinsel.  Legt hier  und  da  noch  ein  paar  Duftspuren von Pointillismus ab,  Moderne  als  Leerbegriff  für  das  Kunstsammlergespräch in der Messekoje. Die  Motive  auch  zeitgeistig.  Man  muss  wissen,  dass  Ruff alle  möglichen  Bilder  gejpegt  hat. Meist bereits Fundstücke aus  dem  Internet  teilen  alle  eine  gewisse  Katastrophenästhetik.  Ein  durchgehendes Narrativ gibt es nicht. Als kuratorischer  Kunstgriff  hier  eine  Nebeneinaderstellung von 911-Trümmern, dem Riesenhochhaus  in  Dubai  und dem brennenden Präsidentenpalast in Bagdad. Suggerierter Inhalt,  geschichtliche  Querverweise,  die  null  aufgehen.
Wie  eine  angedeutete  aber  nicht  ganz  ausgesprochene Verschwörungstheorie um zustimmendes Nicken, vorgespieltes Interesse winselt. „Du weißt schon, die Rotmarder…“. Ruff ist nicht dumm. Ein Bild ist ein Bild, und an diesem Punkt wird es dann noch viel schlimmer.
Als reines Kunstobjekt betrachtet, weist es ab, bleibt doch bei sich. Aus der widerständigen Sphäre des Pressebildes, aus der Mainstreamverhärtung ist es zur reinen kritiklosen Bildverhärtung verkommen. Anstatt im Bild eine Kontingenz zu bewahren, wie es bei Twombly noch möglich erscheint, schließt er es auf der Ebene seiner CNN-Brutalität ab. So weit so gut, wie das Pressebild uns die Version aufzwingt, die wir alle wiederholen und runterbeten, weil uns keine anderen Bilder zur Verfügung stehen und zur Erklärung nur unsere alten,
falschen,
weil ungenauen
und durch Interesse
verfälschten
Narrative bleiben, stellt er das jpeg als Affirmation industriell produzierter Wahrheit auf. Das Bild und der Apparat dahinter, sie entwickeln damit aber eine Autonomie, die uns als Zeugen gleichzeitig jeder Autonomie beraubt.
Abweisend, hart, komplex moralzersetzend, und komplex falsch, das ganze Anziehende der medialen Gewaltagenda erdrückt mich hier in diesem Moment, spielt vor, dass wir zwischen Bildern zerrieben werden, nicht zwischen politischen, realen Vorgängen und erzählt damit die nächste Lüge aus.
Die Bilder hier wiederholen einfach nur diese brutale Flachheit, sie werden Verstärker des barabarischen, irrelevanten Medienzirkus, ohne jedes Potential, es zu hinterfragen.

Man muss es mal wirklich[...]:
Ein Millionär (der Ruff vielleicht ist) aus der Wohlstandsmitte der westlichen Welt stellt ein Bild vom 11.9.2001 aus und sagt: Ein Bild ist nur ein Bild. Diese Tatbestandsaufnahme allein kann einen schon um den Verstand bringen.

Es reicht nicht aus, in einer barbarischen Welt naiv zu sein. Es ist dumm und falsch.
Falsch, weil diese Wiederholung von Barbarei die Komplexität der Prozesse hinter den Bildern  zusammenbrechen  lässt,  unter  dem  Vorwand,  es  würde  ausreichen,  auf  die Unschuldigkeit von Bildern zu plädieren. Und hinten rum kassiert es doch noch die FAZ-Terrornarrative zwischen den Bildern als Eintrittskarte ins Feuilleton mit ein.
Dumm, weil es eine ungewollte Parteinahme bedeutet. Weil man mit seiner Interesselosigkeit den politischen Interessen gegenüber, die immer hinter diesen Bildern lauern, einen Blankoscheck ausstellt. Schließlich fallen diese Bilder nicht in einen ideologiefreien Raum, sondern in eine primitive Lesart hinein, die der Künstler in der Gesellschaft vorfindet, er fügt ihr nichts hinzu, stellt ihr kein Bein, er schwingt auf ihrer Frequenz mit.

Das ist genau das, was bei Ruff passiert. Er zeigt, wie Bilder Komplexität vernichten, vernichtet durch seine Form des Bildes auf Alu Dibond weiter Komplexität und erzählt diese Story auf genau dieser Ebene aus. Und dass genau diese Vernichtung von Komplexität analog läuft zum Prozess, der das Bild zur Ware gemacht hat, sagt eigentlich schon sehr viel über den Markt aus, den er damit bedient.

Wahr, Falsch, Dumm. Dünnes Eis, über schlechte Kunst kann man viel sagen, aber und jetzt tut es weh, die ganze Schreiberei, es war umsonst.
Man lernt wirklich nichts aus schlechter Kunst, man lernt absolut nichts daraus. Es ist reine Zeitverschwendung. Man weiß, was daran schlecht ist, wusste es schon vorher und jetzt sieht man es halt mal, das Falsche springt einen an und gut, man hat drüber nachgedacht und es zerschellt halt an den eigenen Wertvorstellungen, die vielleicht auch falsch sind. Falsch, weil eindimensional.

Martin Creed
The whole world + work of art = the whole world

Das könnte Ruff sich mal vom Damm bis zum Schaft eintätowieren lassen.

Und dann doch Oehlen, zusammengeschossene, kaputte Formensprache von 2008. Das gleißende Licht der Nullerjahredunkelheit, wie Rainald Goetz es mal perfekt ausgedrückt hat.
Die Bilder blenden, aber nicht so, wie eine Explosion über dem Präsidentenpalast, eher wie ein nächtlicher Computerbildschirm. Mattweiß. Oehlen trägt die ganze Substanz unserer vergreisten Kultur auf, lose Pixelfäden und jäh abbrechende Verläufe. Das Prekäre wird anerzählt, wie bei Twombly, der Zusammenbruch im Moment des Zusammenbruchs, nicht danach. Ewig in die Länge gezogene Trauerprozesse über Licht und Schatten, Tiefen, die ihre Bedeutung verloren haben, Trauerprozesse, die bis jetzt andauern. Das in der Leinwand verriebene 2008er-Subjekt fällt permanent auseinander und spuckt dem Betrachter zornig ins Gesicht.
Oehlen ist der Zeuge, den Ruff in seinen Bildern aufruft.

Oehlenbilder, die Ruff-Bilder kaufen, eine gute Vorstellung, Versöhnung ist möglich.

Hirnverdichtung, endlich wieder mit echtem Herzklopfen eine Ausstellung verlassen. Auf wiedersehen Thomas Ruff, Peter Halley, Cy Twombly
und Murakami gab es auch noch, Jeff Koons hat abgeliefert, gar nicht übel, einen Hasskünstler zu verlieren. Seine Kunst muss unglaublich teuer sein, aber es ist sehr gut.

Unbenannt

Thomas Ruff, Tee 7 x 12cm Öl auf Rauhfaser, 2018

 

 

In einem Hipsterladen für Kaffee und Säfte:
The most important thing in life is to enjoy it – to be happy –
it´s all that matters.
Gezeichnet A.H.

Wer ist wohl A.H.?

Why be Happy When You Can Be Interesting?
David.Foster.Wallace.