Wir brauchen uns nicht weiter vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen fürchten, denn sogar Sterne knallen manchmal aufeinander und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist das Leben!

Charlie Chaplin

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Wenn mich nicht alles täuscht, hatte ich hier schon mal angedeutet dass ich doch eigentlich nur eher ungern zu Vernissagen gehe. Das Licht ist meist viel zu grell und meine grausam schlechtes Namens- und Personengedächtnis hat mich schon mehr als einmal in wirklich dumme Situationen gebracht. Früher hätte ich das daraus resultierende Unwohlsein dann einfach mit reichlich Alkohol kompensiert, aber irgendwann ist man dafür einfach etwas zu alt. Und so wähle ich dann in den meisten Fällen die Kunst der Vermeidung und bleibe mit den entsprechenden daraus resulturienden Defizitien fern. Denn Kunstkarrieretechnisch ist das natürlich ziemlich fatal in einem System in dem gute Kontakte und das richtige Netzwerk doch mindestens die halbe Miete, in manchen Fällen so scheint es, auch mehr ist. Aber und das ist der Vorteil, es bleibt natürlich mehr Zeit für die Arbeit und noch wichtiger, für die Familie und Kinder. Denn Leben ohne Kunst mag vorstellbar sein, aber Kunst ohne Leben das geht eben nicht.

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Aber manchmal zieht es mich dann eben doch raus, ich überwinde meine Faulheit, meine Ängste sowie die eigenen etwas bornierten Ressentiments gegenüber der Kunstszene, und schaue mir die Dinge mit eigenen Augen an. Das sind die Momente in denen ich mich dann selber auf die Suche nach dem mache, was wohl der zeitgemäße digitale Sound des metamodernen Rheinlands sein könnte. Jonas Lund und Timm Ulrichs in den Kunstwerken in Köln waren so ein Anlass bei dem ich sofort insitinktiv das Gefühl hatte fündig werden zu können. Schnell war mir klar, dass ich da selber hin muss und es diesmal nicht beim Betrachte der Pics im Internet belassen kann.
Mit beiden Künstler verbindet mich schon länger eine Geschichte. Ulrichs war im Studium immer wieder Referenzpunkt. Mein damaliger Professor Dieter Jung hatte mich freundlicherweise auf ihn und seine Arbeit aufmerksam gemacht und der legendäre Satz ‘Ich kann keine Kunst mehr sehen’ verfolgt mich bis heute, ist mir beim Scrollen und Swipen durch tumblr und instagram eigentlich präsenter denn je.

Jonas Lund hatte an zwei von mir produzierten Netzkunst-Shows, den #LocalnNons mit gewirkt, eine davon in Berlin und eine andere existiert übrigens hier in Köln am Ebertplatz nach wie vor. Persönlich begegnet waren wir uns aber bis Dato noch nicht. Und nach dem man jetzt mehrere Jahre übers Netz in loser in Verbindung stand, schien ein guter Zeitpunkt gekommen.

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Nun ja. Und dann ist da natürlich noch etwas Anderes. Nennen wir es doch, sofern man das in unserem Metier denn so sagen kann, ein – ich tue mir da immer etwas schwer – berufliches oder zumindest aber eine professionell leidenschaftliches Interesse, für die Themen die beide in ihrer Kunst verbindet.

Ich will dazu ganz kurz etwas ausholen, schnell hinein in die 60er des letzen Jahrhunderts. Zu den Geburtststunden von Fluxus, Konzept- sowie Minimalart und dann etwas später Kybernetik und Internet. Das fiel ja damals alles relativ nah zusammen, nicht nur zeitlich sondern natürlich auch thematisch. Wen diese Zusammenhänge interessieren dem möchte ich bitte an dieser Stelle einmal mit höflichem Nachdruck den Film ‘Das Netz‘ von Lutz Dammbeck ans Herz legen.
Mich jedenfalls hat das immer schon fasziniert, wie mit der Zeit die künstlerischen Überlegungen und Fragestellungen aus Fluxus und Konzeptkunst langsam in die Netzkunst hinein diffundiert, und dann weiter über den Kunstkontext hinaus zu Fragen von realpolitischer Brisanz geworden sind. Die Fragen Rund um Körperlichkeit, Autorschaft, Immaterialisierng, Serialisierung oder Reproduzierbarkeit wurden ja von den Konzeptkünstler intensiv angedacht um dann etwas später von den Kollegen der Netzkünste praktisch experimentell ausgelotet zu werden. Und heute 2017 werden um diese Themen schwierige Kulturkämpfe geführt, man Schau etwa einmal auf die Themen Urheberrechte und Copyright oder das Gender-Schlachtfeld.
Spannend aber sind selbstverständlich vor allem die konzeptuellen subtilen Verbindungen zwischen den oben aufgeführten Kunstrichtungen. Mir scheint es als seien diese Überschneidungen zwischen Konzept und Netz mittlerweile etwas in Vergessenheit geraten, was vielleicht auch an dem durchschlangenden Erfolg der postinternet Kunst liegen mag. Dieses Vergessen ist aber nicht zu Letzt gerade für die Werke der postinternet Kunst bedauerlich. Denn gerade dieses Phänomen kann eigentlich nur richtig verstehen, wer vor Augen hat, dass es sich bei postinternet zumindest in Teilen auch um eine Gegenbewegung und Abwendung zur klasssichen Netzkunst der 90er und Nuller Jahre handelte.

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Von daher war es in jedem Fall eine weitsichtige, aber auch mutige Entscheidung des kuratorischen Teams von Mélange mit Timm Ulrichs und Jonas Lund, zwei Künstler, die beide starke Verbindungen zu Konzept – und Lund dazu noch zur Netzkunst – haben, einzuladen. Bei den Beiden laufen verschiedenen Fäden zusammen, überkreuzen sich und bilden Generationenübergreifende über die Jahrzehnte hinweg Übereinstimmungen im künstlerischen Denken. Diese Verbindung ist bei beiden Künstler zwar in unterschiedlichen Ästhetiken ausprägt, auf der Metaebene jedoch vielfach miteinander verschränkt.

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Was Timm Ulrichs in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts an Gedanken und Experimenten zum Verhältnis von Kunst, Mensch, Medien und Kapital angedacht hatte, findet bei Jonas Lund seine Fortsetzung, wobei Lund dem Ganzen als Material, Thema und Werkzeug noch Digitalisierung und Internet hinzufügt. Beide vereint darüber hinaus ein subtiler anarchischer Witz, sowie die Lust am Experiment und Spiel mit der Wirklichkeit. In der Ausstellung sei hier für exemplarisch eine Installation angeführt, in der das Publikum per Knopfdruck über den Verbleib bzw das Entfernen einzelner Arbeiten aus der Show abstimmen kann.

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Und so findet die Ausstellungen auf der konzeptuellen Ebene erfolgreich zusammen und stellt neue Bezüge her, die Vergangenheit und Gegenwart schlüssig verbinden. Von daher kann man auch problemlos darüber hinweg sehen, dass einige Arbeiten auf der visuellen Ebene nicht direkt zusammen finden. Dass einige Werke, wie Kurator Jonas Schenk auch selber einwändet, durchaus neben einander stehen bleiben und bis auf eine Ausnahme keine direkten optischen Verbindungen eingehen bzw immer auch klar dem jeweiligen Künstler zu zu ordnen sind.
Diese Ausnahme bilden die – zentral und damit klever positionierten – Bilder ‘Untitled (floor)’ aus Jonas Lunds http://studio-practice.biz Serie. Hier war für mich ohne Nachzufragen erst einmal nicht ersichtlich wem diese zuzuordnen wären. Wohl wusste ich von ihrer Existenz und dem zugehörigen Studio-practice Projekt, hatte aber keine Vorstellung von ihrem Aussehen und so blieben die Bilder erst einmal rätselhaft undefiniert und bildeten dadurch eine ästhetische Brücke zwischen den Positionen.

Man möge mir bitte verzeihen, dass ich mich ansonsten mit Besprechungen einzelner Werke zurück halte und statt dessen der geneigten Leserschaft vorschlagen möchte dies vor Ort bitte selber zu erledigen oder Jonas Lund auf twitter dazu zu befragen. Ich glaube das würde ihm gar nicht so schlecht gefallen.
Als Fazit der Show bleibt mir fest zu stellen, dass das Experiment von Mélange gelungen und schlüssig scheint, eins und eins ergibt in diesem Fall mehr als zwei und so gehen beide Künstler gestärkt aus der Verbindung hervor.
Auch ich hatte gefunden was ich gesucht hatte und war einer Idee davon, was der aktuelle postdigitale Sound des Rheinlands sein könnte, ein kleines Stück näher gekommen. Es ist die schlüssige und authentisch Verbindung von Avantgarde und Tradition, das Anknüpfen des Neuen an jahrzehnte alte, gewachsene Traditionslinien und das daraus hervorgehende Weiterdenken von künstlerischen Positionen in die Metamoderne hinein.
Mit Shows und Ansätzen wie diesen kann das gelingen.
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Jonas Lund & Timm Ulrichs @PiK, Cologne
17 11 2017 — 16 12 2017

KUNSTWERK KÖLN E. V.
Deutz-Mülheimer-Straße 127
51063 Köln

Organisiert und kuratiert von Patrick Constantin Haas und Jonas Schenk
http://megamelange.com/